WissensWert Blog Carnival Nr. 1: Social Software - noch Kraut und Rüben
Um es vorwegzunehmen: Beruflich suche ich nach Hilfsmitteln, um das „informelle Lernen“ zu fördern, und dafür sind Web 2.0-Werkzeuge und Social Software absolut wichtig. Nach diesem Bekenntnis spricht es sich leichter über Vorurteile und ganz unterschiedliche Erfahrungen, eben über Kraut und Rüben.
Am Anfang sind mir Eifer und Naivität der Web 2.0-Enthusiasten auf den Wecker gegangen. Damals gab es immer wieder Geschichten von wackeren Bloggern, die mit schnellen Rückfragen an die Community irgendwelchen Fieslingen kontern konnten. Oder das Cluetrain-Manifest, das Märkte (und Macht) auf Kommunikation reduzierte. Damals habe ich eine kleine Glosse (mit der Überschrift „Blogger-Lexikon“) geschrieben:
Mit Bloggade wird eine bestimmte Abwehrhaltung gegen Zukunftstrends bezeichnet. Bloggates sind verdeckte Operationen im Wiki-Lager, die am einfachsten mit Humor abgebloggt werden können. Bloggnix ist eine populäre Figur in der neuen Ausgabe von Asterix & Obelix, die Bloggfix erfolgreich von seiner Geschwätzigkeit befreien kann. Bloggomir und Bloggodir treiben in unserer Gegend ihr Unwesen.
Nun ja, das war 2005. Heute ist 2.0-Demokratie, vielleicht muss man sagen: leider, kein Thema mehr. Wie immer werden die Werkzeuge von Guten und Bösen benutzt, zum Beispiel kooperiert Google mit der chinesischen Regierung, Prominente lassen Profis twittern und viele Nutzer (Schande über sie) interessieren sich überhaupt nicht für die wichtigen Menschheitsfragen. Mein Gefühl: Man wird wohl mit der Feinwaage messen müssen, um über einzelne Vorzeigeprojekte hinaus eine Tendenz zu mehr Demokratie feststellen zu können.
Nutzen, ökonomischer Nutzen, die dann möglicher Weise alles entscheidende Kategorie, ließ sich bislang einfach prognostizieren. Inzwischen wird aber auch über eine objektive Messung des Nutzens von Web 2.0-Werkzeugen geforscht. Und kaum danach gefragt fällt auch auf, dass mit dem Einsatz von Web 2.0-Werkzeugen oft gar keine Ziele verbunden sind, jedenfalls keine messbaren (und dann ist eben per Definition kein Ziel vorhanden). Aber keine Bange, spätestens nach einer Zeit des Ausprobierens der neuen Werkzeuge wird es dann auch überprüfbare Ziele geben.
Für mich gibt es auf jeden Fall Werkzeuge, bei denen ich mir nicht vorstellen kann, dass der Nutzen weg diskutiert werden kann: RSS-Feeds und –Reader zum Beispiel sind einfach tolle Werkzeuge, mit denen man auf einfache Weise verfolgen kann, was interessante Leute veröffentlichen. Über Wikipedia & Co. wird viel gesagt, aber „nutzlos“ hat noch keiner behauptet. Und user-generated taxonomies (Folksonomies), um etwas ganz anderes zu nennen, finde ich absolut wertvoll: Keine Hotelbuchung mehr ohne einen Blick auf die Beurteilung.
Beim Schreiben kommt mir in den Sinn, dass Spaß vielleicht noch wichtiger als Nutzen ist (wobei Spaß ja ökonomischen Nutzen nicht voraussetzt, ihn aber erzeugen kann). Und beim Thema Spaß könnte ich ins Schwärmen geraten, was mein iPodTouch alles so kann ...
Optimale Rahmenbedingungen für Social Software sind ein interessantes Thema. Offensichtlich, und bei „Social“ Software eigentlich auch kein Wunder, hat man den größten Spaß/Nutzen, wenn man in ziemlich homogenen Bezugsgruppen lebt. Also zum Beispiel unter 30 Jahre alt ist, in einer Großstadt wohnt und in einem Unternehmen mit offener Diskussionskultur arbeitet. Dann ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass genügend Mitglieder die Start-Hemmschwelle überwinden und für heiße Drähte sorgen.
Nur, wer lebt schon in einer solchen Welt? Mir geht es leider so, dass ich es mit ziemlich heterogenen Bezugsgruppen zu tun habe. Außerhalb der Firma kann ich nicht einmal per Email alle mir wichtigen Leute erreichen; wenn ich sicher gehen will, muss ich schreiben oder telefonieren. Verschärft wird das Problem durch heterogene Infrastruktur, es wird ziemlich schnell lästig, die verschiedenen Dienste und Accounts up to date zu halten.
Gerade, wenn man Social Software gezielt einsetzen will, zum Beispiel zur Förderung des informellen Lernens, stellt sich die Frage, ob und wie man solche Rahmenbedingungen verbessern kann? Durch Vorbilder? Durch Standards? Durch neue Produkte? Schrittweise? Das wären die üblichen Vorgehensweisen. Es gibt aber auch eine Reihe von Methoden zur Untersuchung und Beschreibung von sozialen Systemen, die auf die Fragestellung angewendet werden können. Ein Überblick über den Stand der Wissenschaft in diesem Bereich fehlt mir gegenwärtig, vereinzelt blitzen Begriffe wie „Identity-Management“ auf, die einen soziologischen oder philosophischen Hintergrund zu haben scheinen. Mal sehen, wenn ich demnächst mehr Zeit habe, dann probiere ich aus, wie weit man mit der Übertragung der Arbeiten von Norbert Elias („Über den Prozeß der Zivilisation“, 1939) kommt.
Noch ein paar Bemerkungen zu allen Teilnehmern am „WissensWert Blog Carnival“ gestellten Fragen:
Kann ich mit Web-2.0-Tools effektiver mit Information und Wissen umgehen?
Informationen lassen sich auf jeden Fall leichter gewinnen und auch leichter verteilen. Informationsgewinnung und –verteilung sind dabei wichtige Aspekte der Wissensgewinnung, insoweit unterstützen die neuen Werkzeuge dann auch den Umgang mit Wissen. Im Kern kann Web 2.0 die Wissensgewinnung aber nicht unterstützen, denn Wissen (d.h. erfahrungsgestützte Meinungen) hat nur der Mensch.
Verbessern sich die Produktivität und Qualität der Arbeit?
Noch, so muss man es wohl sagen, nicht oder noch nicht für jeden. Ich bekomme und verteile Informationen - wie gesagt - einfacher, das verbessert sicher meine Produktivität und die Qualität meiner Arbeit. Aber bei dieser Frage richte ich den Blick auf das Unternehmen, und da werden die neuen Werkzeuge im Allgemeinen nur sporadisch genutzt.
Werden die Vorteile der neuen Arbeitsmittel durch negative Seiteneffekte überkompensiert?
Überkompensiert, nein, das nicht. Aber sicher gemindert. Zum Beispiel bekommt man mit jedem Feed, den man abonniert, auch viele uninteressante Informationen.
Ein nicht uninteressanter Aspekt sind die Kosten, die zumindest bei einer extensiven und systematischen Nutzung von Social Software anfallen. Theoretisch reicht ein Internetanschluss, um mitzumachen. Praktisch ist mehr aber besser. Auch die Hardware-Anforderungen sind nicht gering. Ein UMTS-Smartphone ist bei vielen Web 2.0-Nutzern sicher Standard. Aber selbst dann hat man immer noch nicht ein Gerät für alles. Nicht mal 10 Gigabyte Lieblingsmusik passt in den Speicher, am Ende schleppt man doch wieder Laptop, Musikplayer und Handy mit auf Dienstreisen.
Hinzu kommen Barrieren, an die man im ersten Moment gar nicht denkt. In vielen Firmennetzwerken ist man zum Beispiel nur auf der sicheren Seite, wenn die Software von Microsoft kommt. Und Skype gilt als unsichere Software und ist verboten.
Wie verläuft der persönliche Lernprozess, sich diese Arbeitspraktiken anzueignen?
Mein größtes Problem ist es, Mitmacher zu finden. Neulich habe ich mich zum Beispiel für Places (http://plazes.com/) interessiert, den Link mangels Masse bald wieder gelöscht. Mit Xing mache ich ähnliche Erfahrungen; nur wenn ich selbst dort aktiv bin, wird mein Profil öfters abgerufen. Auf diese Weise macht man zwar Erfahrungen und tastet sich vor, aber von einer systematischen Exploration und von der Entwicklung entsprechender Arbeitspraktiken kann man dann wohl nicht reden.